Brüderchen und Schwesterchen Brüderchen nahm sein Schwesterchen an der Hand und ging fort mit ihm von der bösen Stiefmutter. Am Abend kamen sie in einen großen Wald. Da setzten sie sich müde in einen hohlen Baum und schliefen ein. Als sie aufwachten, schien die Sonne schon heiß, und Brüderchen sagte: Schwesterchen, ich habe Durst. Doch die böse Stiefmutter war den Kindern gefolgt. Sie war eine Hexe und hatte alle Brünnlein im Wald verwünscht. Als die Kinder nun ein Brünnlein fanden, hörten sie es rauschen: Wer aus mir trinkt, wird ein Tiger! Da trank das Brüderchen nicht. Als sie zum zweiten Brünnlein kamen, hörten sie es rauschen: Wer aus mir trinkt, wird ein Wolf! Da wartete das Brüderchen noch bis zum dritten Brünnlein. Und obwohl es rauschte: Wer aus mir trinkt, wird 'ein Reh ! trank es davon. Und schon stand es als Reh neben dem Brünnlein. Schwesterchen weinte bitterlich. Die Hexe aber war böse, dass sie es nicht auch zum Trinken verführen konnte. Schließlich sammelte Schwesterchen Binsen, flocht ein weiches Seil daraus und band das Reh daran. Beide gingen nun zusammen tief in den Wald hinein, bis sie zu einem Häuschen kamen. Weil es Ieerstand und ihnen gut gefiel, nahmen sie es zur Wohnung. Und wenn Brüderchen noch seine menschliche Gestalt gehabt hätte, wäre es nun für sie ein herrliches Leben gewesen. Lange lebten sie hier in Ruhe. Da hielt eines Tages der König des Landes eine große Jagd. Kaum aber hörte das Reh den Hörnerklang, wollte es bei der Jagd dabeisein. Es bat so lange, bis Schwesterchen schließlich nachgab. Komm aber am Abend heim , sagte es. Und damit ich dich erkenne, sprich: Mein Schwesterlein, laß much herein! Froh sprang das Reh in den Wald hinaus. Der König und seine Jäger sahen das; schöne Tier und verfolgten es. Aber sie konnten es nicht einholen. Am Abend, als es dunkel wurde, lief das Reh zu dem Häuschen und rief: Mein Schwesterlein, laß mich herein! Da wurde es hereingelassen. Am nächsten Tag ging die Jagd weiter, und wieder war das Reh dabei. Diesmal aber wurde es am Fuß leicht verletzt und konnte nur langsam laufen. Ein Jäger schlich ihm nach und beobachtete, wie es in das Häuschen gelassen wurde. Er merkte sich, was er gesehen und gehört hatte, und erzählte alles dem König. Da sprach dieser: ,,Morgen soll noch einmal gejagt werden. Am nächsten Tag spürte das Reh seine Verletzung nicht mehr und war wieder bei der Jagd dabei. Folgt ihm_ , befahl der König den Jägern, aber tut Ihm nichts zuIeide !" Er selbst ließ sich gegen Abend _von der. Jäger das Häuschen zeigen und rief: Mein Schwesterlein, laß mich herein! .. . Da ging die Tür auf, und der Konig trat ein. Vor ihm stand ein so schönes Mädchen, wie er noch keines gesehen hatte. Er sah es freundlich an und sprach: Willst du mit mir auf mein Schloß gehen und meine liebe Frau sein? Ja, gern , antwortete das Mädchen, aber das Rehlein muss auch mit, das verlasse ich nicht! Da nahm der König beide mit auf sein Schloß. Dort wurde die Hochzeit mit großer Pracht gefeiert. Als die böse Stiefmutter vom Glück der Kinder hörte, ließ ihr der Neid keine Ruhe mehr. Und als die Königin einen Sohn zur Welt gebracht hatte und der König gerade auf der Jagd war, nahm sie die Gestalt der Kammerfrau an. Zusammen mit ihrer Tochter brachte sie die Königin um. Dann musste sich die Tochter ins Bett der Königin legen. Um Mitternacht sah die Kinderfrau,wie die rechte Königin ins Zimmer kam. Sie nährte und pflegte ihr Kind, streichelte das Reh und ging wieder. Eines Nachts nun sprach sie: Was macht mein Kind? Was macht mein Reh? Nun komm ich noch einmal, dann nimmermehr. Da erzählte die Kinderfrau alles dem König. In der folgenden Nacht wachte er selbst in der Kinderstube. Die Königin kam wie immer, und ehe sie ging, sprach sie: Was macht mein Kind? Was macht mein Reh? Nun komm ich noch diesmal, dann nimmermehr. Der König rief: Du bist meine liebe Frau! Da erhielt sie durch ein Wunder das Leben wieder. Die böse Hexe und ihre Tochter wurden für ihre Freveltat verbrannt. Sobald die Hexe zu Asche geworden war, erhielt Brüderchen seine menschliche Gestalt zurück. Von nun an Iebte es wieder glücklich mit Schwesterchen zusammen