König Drosselbart

Ein König hatte eine Tochter, die war sehr schön, aber stolz und hochmütig. Eines Tages gab der König ein Fest und lud dazu alle heiratslustigen Männer ein. Unter ihnen sollte sich die Prinzessin einen Bräutigam auswählen. Doch sie hatte an jedem etwas auszusetzen. Und einen Freier, einen König, verspottete sie besonders, denn er hatte ein krumm gewachsenes Kinn. Ei , sprach die Prinzessin, der hat ein Kinn wie ein Drossel schnabel ! Seit der Zeit trug er den Namen Drosselbart. Der König aber war sehr erzürnt über den Hochmut seiner Tochter und schwor: Ich gebe dich dem ersten besten Bettler zum Mann, der zum Schloß kommt. Einige Zeit darauf sang ein Spielmann unter einem Schloßfenster, und der König ließ ihn so gleich mit der Prinzessin trauen. Danach ging der Bettler mit der Königstochter davon. Als sie durch einen großen Wald kamen, fragte sie: Wem gehört der Wald ? Der gehört dem König Drosselbart. Hättest du ihn genommen, wär er dein! Da sagte sie: Ich arme Jungfer zart, ach, hätt ich genommen den Drosselbart! Schließlich kamen sie zu einem kleinen, schäbigen Haus. Das ist unser Haus , sagte der Bettler. Mach gleich Feuer und koch mir mein Essen! Doch die Königstochter verstand nichts vom Kochen, und der Mann mußte ihr helfen. Von nun an hatte sie ein schreckliches Leben. Sie mußte hart arbei ten, und ihre zarten Hände wurden wund und blutig. Du taugst zu keiner Arbeit , schimpfte der Mann. Ich fange einen Topfhandel an, und du sollst die Ware auf dem Markt verkaufen. Die Leute kauften der schönen Frau gern Töpfe und Krüge ab. Doch dann ga loppierte ein betrunkener Husar mitten in das Geschirr. Alles zerbrach in tausend Stücke. Da fürchtete sich die Königstochter vor dem Zorn ihres Mannes und wagte es lange nicht, nach Hause zu gehen. Als sie aber schließlich doch heimkam, war ihr Mann auf und davon. Jetzt lebte die Königstochter einsam und arrnselig in dem Häuschen. Und mit jedem Tag nahm ihr Elend zu. Da wurde sie eines Tages von einem Mann zu einer Hochzeitsfeier eingeladen. Sie glaubte, er hätte Mitleid mit ihr, und willigte gern ein. Um sich von der Hochzeit noch allerlei Vorrat mit nach Hause zu bringen, nahm sie einen Topf und eine große lederne Tasche mit. Dann warf sie sich ihren dünnen Mantel über und ließ sich von dem Mann zu der Feier führen. Auf der Hochzeit waren prächtige Speisen angerichtet. Es war an nichts gespart worden. Nun füllte die arme Königstochter ihren Topf mit Suppe und ihre Tasche mit Brot und Resten aus der Küche. Sie wollte ge rade fortgehen, da verlangte einer der Gäste, daß sie mit ihm tanze. Sie sträubte sich, aber es half ihr nichts. Sie mußte mit dem Gast tanzen. Der Topf, den sie unter dem Mantel verborgen hatte, fiel zu Boden, und die Suppe ergoß sich aus den Scher ben. Gleich darauf fielen auch das Brot und die Reste aus der Tasche. Alle Gäste lachten und verspotteten sie. Die Königstochter wäre vor Scham am liebsten im Erdboden versunken. Schnell sprang sie Zur Tür und lief davon. Auf der Treppe holte sie der Mann ein, der sie zu der Feier eingeladen hatte, und führte sie in den Saal zurück. Er merkte, daß sie ihn genau betrachtete, aber er kümmerte sich nicht darum. Je länger die Königstochter ihn ansah, desto sicherer wurde sie, daß kein anderer als König Drosselbart vor ihr stand. Und so war es auch wirklich. Da sagte der Mann auch schon: Ja, ichbin der von dir verspottete Drosselbart. Der Bettler und ich sind ein und derselbe. Ich bin auch der Husar gewesen, der dir auf dem Markt das Geschirr entzwelgeritten hat. Doch das alles habe ich nur getan, um dich zu bessern. Ich wollte dir deinen Hochmut austreiben und dich für deinen Spott strafen. Jetzt aber soll unsere Hoch zeit in aller Pracht gefeiert werden. Der Vater der Königstochter und der ganze Hofstaat wurden zu der Feier eingeladen. Sie selbst bekam schöne Kleider und wurde herausgeputzt, wie es sich für die Vermählung mit einem König gebührt.