Aschenputtel

Es war einmal ein reicher Mann, der leb te lange Zeit vergnügt mit seiner Frau. Sie hatten zusammen ein Töchterchen. Eines Tages wurde die Frau krank. Und als sie fühlte, daß sie sterben würde, rief sie ihre Tochter zu sich und sagte: Liebes Kind, ich muß dich verlassen. Doch wenn ich oben im Himmel bin, will ich auf dich herabsehen. Pflanz ein Bäumchen auf mein Grab. Und wenn du dir etwas wünschst, schüttle daran, und du wirst es bekommen. Auch wenn du sonst in Not bist, will ich dir Hilfe schicken. Bleib nur fromm und gut. Darauf starb sie. Das Kind aber weinte und pflanzte ein Bäumchen auf das Grab der Mutter. Als das Bäumchen zum zweiten Mal grünte, heiratete der Mann wieder. Diese Frau brachte zwei Töchter mit, die waren stolz und böse und machten dem Mädchen das Le ben schwer. Sie nahmen ihm die schönen Kleider weg und zogen ihm dafür einen alten geflickten Rock an. Der ist gut für dich , lachten sie es aus und führten es in die Küche. Dort mußte das arme Kind den ganzen Tag schwer arbeiten und wurde obendrein noch von den Stiefschwestern verspottet. Es durfte auch nicht mehr in seinem Bett schlafen, sondern mußte sich neben dem Herd in die Asche legen. Weil es deshalb immer schmutzig aussah, wurde es nur noch Aschenputtel genannt. Nach einiger Zeit gab der König einen Ball. Er sollte drei Tage dauern, und der Prinz sollte sich dabei eine Braut aussuchen. Auch die beiden Stiefschwestern waren dazu eingeladen. Aschenputtel , riefen sie, komm herauf, kämme uns die Haare, bürste uns die Schuhe und schnalle sie fest! Da mußte Aschenputtel sie herausputzen. so gut es konnte. Als sie fertig waren, fragten Am nächsten Morgen erzählten die Stier. schwestern Aschenputtel von dem Ball, um es neidisch zu machen. Und am Abend mußte Aschenputtel sie wieder heraus. putzen. Zum Lohn bekam es einen Sack Wicken, die sollte es bis zum nächsten Morgen auslesen. Wieder kamen die Tauben aus dem Garten und fragten: Aschenputtel, sollen wir dir helfen? Ja , erwiderte es, die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen. Schnell waren die Wicken ausgelesen. Die Tauben sagten: Aschenputtel, wenn du auch zu dem Ball möchtest, |an zum Grab deiner Mutter! Schüttle tüchtig das Bäumchen und wünsch dir schöne Kleider!“ Da ging Aschenputtel zu dem Bäumchen, schüttelte es und sprach; Bäumchen, rüttel dich und schüttel dich, wirf schöne Kleider herab für mich! Schon lag ein prächtiges Kleid vor ihm. Aschenput tel zog es an und begab sich zum Schloß. Der Prinz verliebte sich auf der Stelle in das schöne Mädchen und tanzte nur noch mit ihm allein. Kurz vor Mitternacht verabschiedete sich Aschenputtel von ihm, brachte die Kleider zum Bäumchen zurück und legte sich zu Hause in die Asche. Als die Stiefschwestern heimkamen, sagten sie verdrießlich: Der Prinz hat fast die ganze Zeit nur mit einer fremden Prinzessin getanzt." Während die Schwestern am nächsten Abend zum Ball gingen, mußte Aschenputä tel Linsen auslesen. Wieder halfen ihm die Tauben dabei, und im Nu war die Arbeit getan. Dann ging Aschenputtel zum Bäum chen und sprach: Bäumchen, rüttel dich und schüttel dich, wirf schöne Kleider herab für mich! Die Tauben aber ermahnten es; Komm vor Mitternacht zurück. Aschen puttel versprach es. Im Schloß wurde es von dem Prinzen schon auf der Treppe empfangen und in den Saal geführt. Den ganzen Abend tanzte es aus gelassen mit ihm. Plötzlich aber hörte es die Glocke Mitternacht schlagen, und die Ermahnung der Tauben fiel ihm ein. Es lief hinaus, so schnell es konnte, und in der Eile verlor es auf der Treppe einen Schuh. Mit dem letzten Glockenschlag aber hatte es wieder seine alten Kleider an. Der Prinz war ihm nachgeeilt. Er fand den Schuh. Und bereits am nächsten Tag ließ er im ganzen Land bekanntgeben, daß dieje nige seine Gemahlin werden sollte, der die ser Schuh paßte. Er reiste im Königreich umher, doch allen war der Schuh zu klein. Schließlich kam er auch zum Haus von Aschenputtels Vater. Die zwei Schwestern freuten sich, denn sie hatten schöne, kleine Füße und glaubten,der Schuh werde ihnen passen. Zuerst probierte ihn die ältere Schwester an. Und weil die Ferse nicht hineinpasste, hieb sie mit dem Messer ein Stück davon ab und zwängte den Fuß in den Schuh. Als der Prinz mit seiner Braut am Tor vorbeikam, riefen die Tauben: Ruckedigu, Blut ist im Schuh! Der Schuh ist zu klein, die rechte Braut sitzt noch daheim! Da sah der Prinz das Blut aus dem Schuh quellen und brachte die falsche Braut nach Hause zurück. Nun hieb sich die zweite Schwester ein Stück von der Zehe ab, zwängte den Fuß in den Schuh und ritt mit dem Prinzen davon. Doch wieder warnten die Tauben. Jetzt blieb nur noch Aschenputtel. Und als es in dem Schuh schlüpfte, paßte er wie angegossen. Aufmerksam betrachtete der Prinz das Mäd chen und erkannte, daß dies seine schöne Tänzerin war. Das ist die rechte Braut!" rief er glücklich. Da erschraken die Stiefmutter und ihre beiden Töchter und wurden bleich vor Neid und Ärger. Der Prinz aber hob Aschenputtel auf sein Pferd und ritt mit ihm davon. Als sie am Tor vorbeikamen, saßen dort wieder die Tauben, und diesmal riefen sie: Ruckedigu, ruckedigu, kein Blut ist im Schuh! Der Schuh ist nicht zu klein, die rechte Braut, die führt er heim! Glücklich ritt der Prinz mit Aschenputtel zu seinem Schloß und stellte die Braut seinem Vater vor. Schon bald darauf wurde die Hochzeit in aller Pracht gefeiert.